#11 Amerikanische High Schools

High School Musical- dieses Meisterwerk hat wahrscheinlicher der Großteil von euch schon einmal gesehen. Ein Film über zwei ganz normale Teenager, aus zwei unterschiedlichen Welten. Der eine der Basketballstar der Schule und die andere der schüchterne Nerd, die jedoch eines verbindet: Singen. Während sie aber entgegen den Strom schwimmen müssen um ihren Traum zu verwirklichen, in die Intrigen der beliebtesten Blondine verwoben werden und ihre Liebe eingestehen müssen, realisieren sie eines: „It´s the best part we´ve ever known“

Klischees über Klischees

Warum erzähle ich euch aber gerade um was es in dem Film „High School Musical“ geht?? Ich erzähle euch das, weil es einer der meistgesehensten Filme über das standard High School Leben eines amerikanischen Teenagers ist. Die Nerds, die während der Mittagspause nicht am Tisch der Beliebten sitzen dürfen und die Schule, die von den Sportstars regiert wird, siehe: „Glee“, „A Cinderella Story“, „Mean Girls“ sogar „Grease“ und jeder andere amerikanische Teenager Film.

Aber wie sieht die Realität aus??

An dieser Stelle muss ich, wie in fast jedem anderen Blogpost noch einmal erwähnen, dass ich von normalen public High Schools nicht viel erzählen kann da ich nicht auf so eine Schule gehe. Ich bin Schüler an dem Saint Paul Conservatory for Performing Artists, auf dem man neben normalen akademischen Fächern auch Tanz, Theater, Musik oder Gesang lernt. Es gibt kein Football Team, Cheerleader oder jegliche andere AG’s für die amerikanische High Schools so bekannt sind. Auch der berühmte „School Spirit“ steht nicht wirklich auf der Tagesordnung. Jedoch haben wir auf jeden Fall mehr High School Musical, Gesinge und Getanze zu bieten als jede andere public High School.

Aus Erzählungen kann ich aber sagen dass etwas an diesen Klischees dran ist. Natürlich wird in Filmen alles übertrieben aber das Motto:

Stick to the Status Quo

wird anscheinend tatsächlich geliebt und gelebt- so wie man sich das eben vorstellt. Aber wie gesagt, ich gehe nicht auf so eine Schule und weiß NICHT ob es wirklich so zugeht.

An meiner Schule habe ich von einem solchem Verhalten überhaupt nichts mitbekommen, was daran liegt dass meine Schule sozusagen aus „Freaks“ besteht. Deshalb gibt es keine Beliebten oder uncoolen an spcpa, weil aufgrund der extremen Verschiedenheit JEDER akzeptiert wird, egal ob LGBTQ, schwarz, grün oder rot. Aber natürlich gibt es bei Teenagern immer und überall beliebtere Schüler, die einfach aufgrund ihrer Persönlichkeit herausstechen und mit denen es deshalb leichter ist in ein Gespräch zu kommen. So funktioniert unsere Gesellschaft eben und das ist auch in Ordnung so.

Das Amerikanische Schulsystem aka. Gemeinschaftsschule?

Ein weiteres Klischee ist, dass public High Schools einen viel niedrigeren Bildungsstandard haben als Deutsche, und da muss ich ehrlich sagen: JA, das stimmt total! Verglichen zu meinem Gymnasium in Deutschland sind die Anforderungen hier ein Witz! Damit will ich nicht sagen, dass ich nichts lerne aber alles ist so, so viel langsamer und überhaupt nicht anspruchsvoll. Um die Ursache zu verstehen müssen wir uns aber zu erst anschauen wie das Bildungssystem in den USA überhaupt aussieht:

Für Amerikaner geht es nach dem Kindergarten und der Vorschule auf die Grundschule, „Elementary School“, danach geht es aber nicht wie in Deutschland üblich auf die weiterführende Schule, sondern auf die sogenannte „Middle School“ die bis zur achten Klasse geht. „High School“ geht dann von der neunten Klasse bis zum Schulabschluss in der zwölften. Im Gegensatz zu den Weiterführenden Schulen in Deutschland, die in drei verschiedene Level, Hauptschule, Realschule und Gymnasium, geteilt werden gibt es in den USA nur eine High School die sehr an eine Gemeinschaftsschule erinnert, da alle Level zusammen gemixt werden. Das Ziel ist nicht das Abitur, sondern genügend „College Credits“ zu sammeln um zu bestehen und einen Abschluss zu machen. Genauso wie auf einer Gemeinschaftsschule gibt es auch verschiedene Schwierigkeitsstufen aus denen man seine Fächer wählen kann und für die es verschieden viele Credits gibt. So gibt es zum Beispiel für Mathe Algebra 1-3, Precalculus, Calculus und Statistics. Obwohl man zwar gezwungen ist eine bestimmte Anzahl an Mathe Kursen zu belegen heißt das nicht, dass man durchgängig Mathe wählt oder bis zu Statistics gekommen ist, da man sobald man genügen Punkte hat das Fach abwählt. Es gibt auch bei anderen Fächern oft die Möglichkeit „advanced“, also fortgeschritten zu wählen aber das heißt nicht, dass man das muss. Auch wenn man super intelligent aber extrem faul ist, kann man diesen Weg mit minimalem Aufwand gehen- genauso wie auf unserer Gemeinschaftsschule.

An dieser Stelle muss ich noch erklären, dass es keine Klassen so wie in Deutschland gibt wie 10 a, b, c… sondern Stufen. Freshmen ist die 9. Klasse, Sophomore steht für die 10., Juniors sind die 11. Klässler und Seniors die 12. Klässler. Diese Zahlen bestimmen aber wie gesagt nicht welche Fächer man belegt, da man sich nach Lust und Laune seine Favoriten rauspicken kann solange man alle Credits pro Semester schafft. Deshalb sind in den verschiedenen Fächern auch sehr unterschiedliche Lernlevel zusammen geschmissen, was bedeutet dass es für die langsameren zu schnell und für die schnelleren viel zu langsam geht und man schlussendlich oft auf sich gegenseitig angewiesen ist, da der Lehrer überfordert ist. Ich habe überhaupt nichts gegen Teamwork, aber durchgängig nach anderen schauen kann sehr ermüdend sein da man sich dabei selbst vernachlässigt.

Aus dem Grund ist in den USA ein guter Abschluss vergleichsweise ziemlich nichtssagend, auch weil das Bildungssystem von Bezirk zu Bezirk total unterschiedlich ist. Deshalb müssen die Schüler auch bestimmte Standarditiserte Tests (ACT´s/SAT´s) machen, damit die Unis irgendeinen Vorstellung von den Schülern bekommen. Und genau deshalb halte ich auch nicht viel von Gemeinschaftsschulen, ich kenne so viele Amerikaner die unser Schulsystem aufs äußerste beneiden, also warum das Ganze mit Gemeinschaftsschulen ersetzten? Aber da soll sich jeder seine eigene Meinung bilden.

Die Lehrart in den USA

Ein weiteres Problem ist die Unterrichtsart. Während es auf Gymnasien so ist, dass man Dinge selbst herausfinden muss, ist es auf High Schools großteils Frontalunterricht und auswendig lernen, was meiner Meinung nach nicht so effektiv und ziemlich langweilig ist. Man muss allgemein seinen Kopf nicht wirklich anstrengen, da einem Alles vorgesagt wird und man nichts beweisen oder erklären muss.

Das bringt mich nun zu den Klassenarbeiten, die wie der Rest nicht wirklich ernst zu nehmen sind. Abgesehen davon, dass der Großteil Multiple Choice aufgaben sind, gibt es sogar als Vorbereitung einen von dem Lehrer vorgefertigten „Studyguide“, der wirklich sehr ähnliche Fragen wie der Test stellt. Um das ganze zu toppen gibt es auch die Möglichkeit eine Klassenarbeit nochmals zu schreiben! Ja, richtig gehört- man kann Tests wiederholen falls man das erste Mal nicht zufrieden war.

Ganz ehrlich, ich verstehe es nicht. Ich dachte immer Schule sollte irgendwie auf das echte Leben vorbereiten, durch die Möglichkeit einer Wiederholung lernt man aber gar nichts! So funktioniert das Leben nicht! Wenn man später einmal im Beruf ist kann man auch nicht einfach fragen ob man es nochmal probieren darf falls man einen Deal verhauen hat. Ich merke es sogar an mir selbst, dass dadurch der Ehrgeiz auf der Strecke bleibt und man nichts ernst nimmt.

Genauso schlecht gehen sie mit Deadlines um. Ich hatte z.B. ein Projekt in US-Government das fällig war, ich hatte aber nicht gesehen, dass es eine Rückseite gab. Was habe ich gemacht? In der Bahn und in den Pausen durchgearbeitet und es in der dritten fertig abgeliefert und ein A dafür bekommen. War es nötig? Nein! Nur ich und zwei andere hatten das Projekt gemacht und die Deadline wurde um drei Wochen verlängert. Was das für eine Auswirkung auf Schüler hat lasse ich einfach mal stehen.

Was mir aber sehr gut gefällt ist, dass es allgemein mehr freie Projekte und Aufsätze gibt die wirklich interessante Themen haben sodass man sich darauf freut sie zu machen. Vielleicht liegt es auch an meiner Schule, aber ich denke dass man allgemein versuchen sollte Kindern mehr kreative Möglichkeiten zu geben um selbstständig Projekte zu entwickeln. Einige werden das vielleicht als kindische Spielerei abtun aber in meinen Augen ist das die Zukunft für neue Innovationen-die können nämlich nicht durch Maschinen erfunden werden.

Das war ein Englisch Projekt, für das wir Themen der Romantik neu interpretieren sollten. Ich habe ein Design gemacht das ich in einem moodboard vorgestellt habe.

Schüler-Lehrer Verhältnis

Ein anderer plus Punkt an amerikanischen Schulen ist die lockere Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Während in Deutschland eine unsichtbare Mauer zwischen den zwei Seiten steht, ist in den USA ein Lehrer wie ein Berater für den Schüler. Eine Vertrauensperson an die man sich wenden kann falls es mal schwierig in der Schule wird, weil man weis dass es dem Lehrer wirklich wichtig ist dass man Erfolge aufweisen kann. Damit will ich nicht sagen, dass es Lehrern in Deutschland egal ist wie es einem Schüler geht, aber es ist wirklich nicht das Selbe. Zudem denke ich zwar nicht, dass es das echte Leben wiederspiegelt aber von meinen Beobachtungen aus ist diese Beziehung vor Allem für Problem Schüler ein riesen Motivations Schub überhaupt zur Schule zu gehen.

Mein Schulalltag

Mir geht es wirklich sehr gut an meiner Schule. Obwohl es eine ziemliche Umgewöhnung war macht mir Schule tatsächlich Spaß! Es ist eben eine ganz andere Atmosphäre als in Deutschland. Auch der Tagesablauf ist komplett anders geregelt:

Mein Tag beginnt in einer Straßen Bahn die mich um 8 Uhr zur Schule bringt. Der Organisatorische unterschied ist, dass mein Stundenplan aus einem A und B Day besteht und sich jeden Tag abwechselt. Die Schulstunden dauern hier 80 min zwischen denen man nur fünf min Zeit zum Raumwechseln hat. Es gibt keine Großenpausen, aber dafür Lunch für 45 min für das man kein Essen von der Schule bekommt und stattdessen etweder selbst etwas bringt oder in die umliegenden Essensplätze geht. Nach der Mittagspause habe ich dann meine Täglichen zwei Tanzstunden die jeden Tag ohne Ausnahme um 3.3o Uhr vorbei sind. Bis ich zuhause bin ist es dann 4 Uhr, aber daran habe ich mich mittlerweile auch gewöhnt.

Das war mein Stundenplan im ersten Semester:

A-Day

  1. English 11
  2. Study Hall
  3. Spanish 3
  4. Ballet
  5. Jazz

B-Day

  1. Advanced Anatomy&Physiology
  2. Algebra 3
  3. Us-Government
  4. Modern
  5. Break-Dance

Das ist mein Stundenplan im zweiten Semester:

A-Day

  1. English 11
  2. Algebra 3
  3. Economics
  4. Ballet
  5. Choreo-lab

B-Day

  1. Advanced Anatomy&Physiology
  2. Study Hall
  3. Spanish 3
  4. Jazz
  5. Modern

Freitags habe ich keine normalen Tanzstunden sondern Dance Studies und mein „Friday elective“. Letztes Semester war das meine Collaboration Class, dieses Semester habe ich zum Glück Yoga.

Enttäuschungen?

Natürlich habe ich auch etwas gemischte Gefühle über meine Schule. Was wäre wenn ich auf einer normalen High School wäre? Wie würde es sich anfühlen in einem gelben Schulbus zur Schule zu fahren? In was für ein Sportteam wäre ich gekommen? Oder hätte ich einen Schulchor gehabt? Was wäre unser Schulmaskottchen gewesen?

All diese Frage und noch viel mehr schwirren täglich in meinem Kopf herum, weil SPCPA nicht wirklich die Schule ist die ich mir vorgestellt hatte als ich mich für diesen Austausch angemeldet habe. Ich bin zwar sehr glücklich hier gelandet zu sein, aber es gab-und es gibt immer noch Zweifel, ob nicht manches auf einer public High School besser wäre. Aber Schlussendlich glaube ich immer daran, dass alles aus einem Grund passiert und wenn ich an all meine Freunde denke und die Erfahrungen die ich über das Sain Paul Conservatory for Performing Artists gesammelt habe könnte ich nicht glücklicher sein und würde es um nichts in der Welt eintauschen wollen.

Ich bin trotz aller Zweifel unglaublich dankbar für die Möglichkeit auf so eine einzigartige Schule zu gehen. Ich hoffe ich konnte durch diesen sehr, sehr langen Blog die akademische Seite einer High School vermitteln, ich könnte wirklich noch ewig darüber weiterreden.

An dieser Stelle möchte ich auch noch sagen, dass Alles oben erwähnte natürlich anderswo komplett verschieden sein könnte und ich hier nur über meine Erfahrungen sprechen kann.

Obwohl Schule nicht immer Spaß macht, ist es doch die schönste Zeit im Leben und ich bin unglaublich froh, dass ich die Möglichkeit habe diese Zeit in den USA zu erleben. Wie schon in High School Music gesungen wurde:

It´s the best part we´ve ever known


xoxo,

Isi♥

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