#10 J-term: ein einmaliger Monat

Es ist der Abend vor unserer ersten Vorführung, mein ganzer Körper tut weh, und dass ich gestern auf dem Eis ausgerutscht bin, dabei mein Schienbein angeschlagen habe und auf die Hüfte gefallen bin macht das ganze auch nicht gerade leichter. Nun sitze ich hier nach einem Bad und Pferdesalbe, fange an diesen Blogeintrag zu schreiben und erzähle euch warum ich bereit dafür bin, dass dieses Wochenende endlich vorbei ist und zur selben Zeit nicht möchte dass es Montag ist. Und warum das Ganze?-J-term.

nach meiner J-term Aufführung mit meiner Gastschwester

Was ist J-term?

Einige von euch wissen wahrscheinlich schon was J-term ist, aber für den Rest hier eine kurze Erklärung: Wie bereits bekannt bin ich während meines Auslandsjahres nicht auf einer normalen public High School  sondern auf einer Schule für Darstellende Künste in der man sich neben seinen akademischen Fächern auf entweder Gesang, Instrumental Musik, (Musical-) Theater oder Tanz spezialisiert. Nach meinen nur zwei Jahren Ballett Unterricht hatte ich mich schlussendlich für Tanz entschieden. Das tolle an dieser High School ist, dass der normale Unterricht drei Wochen lang  im Januar eine „Pause“ einlegt, während der man sich mit professionellen Choreographen, Regisseuren etc. auf eine Aufführung eines Stückes Vorbereitet. Dabei werden alle möglichen Leistungs-Level gemixt und die Schüler führen die verschiedenen Aufführungen in öffentlichen Plätzen auf für die man ganz normal Tickets kaufen muss.

Auditions und der Traum von Cabaret

Da es natürlich mehr als 30 Schüler an unserer Schule, dem Saint Paul Conservatory for Performing Artists gibt, haben wir eine Auswahl von geschätzten zwanzig January-Terms bekommen damit für jeden von Musical über Oper bis zu Break-Dance etwas dabei ist. Um zu ermitteln wer in welches J-term kommt gab es wie bei allem Anderen in den USA auch dieses mal Auditions bei denen man sich und sein Können vorstellen musste. Weil ich Tanzen zu meinen besseren Talenten zähle habe ich  für drei aus meinen vier Favoriten die man angeben konnte Choreographen gewählt. Bei den Auditions jedoch waren die Choreographen nicht dort, sondern wir haben in gemixten Klassen kurze Choreographien von Tanzlehrern unserer Schule gelernt um uns in Jazz, Ballett, Modern und HipHop zu beweisen.

Meine Top J-term Favorit war jedoch das Musical Cabaret, das ich schon in meinem Update Blogpost #3 angesprochen hatte. Wie gesagt sahen da die Auditions etwas anders aus. Man musste zwar auch in einem separaten Raum eine kurze Choreographie lernen aber zusätzlich dazu hat man einen kurzen Monolog eines Charakters vorsprechen müssen und einen Ausschnitt des Liedes „Cabaret“ vorgesungen – vor Allen anderen. Erstaunlicher Weise war es aber nicht so furchtbar wie ich es mir vorgestellt hatte. Im Gegensatz zu meiner Vorstellung in der der Part in dem ich vortanzen musste total isi-peasy (das musste sein.) und das Vorsingen eine Schande war, war es genau anders rum! Ich war super überfordert mit der Choreographie aber für mein Vorsprechen habe ich ziemlich viele Komplimente bekommen. Nervös war ich in dem eigentlichen Moment des Vorsingens eigentlich auch gar nicht mehr, da die Atmosphäre einfach total unterstützend war.

Obwohl ich mit überhaupt keinen Erwartungen in diese Auditions gegangen bin war für mich bei Cabaret ein ziemlicher Ehrgeiz da. Es hat mich nämlich extreme Überwindung gekostet mich überhaupt für diese Auditions anzumelden. Deshalb wollte ich nicht in dieser Situation „umsonst“ gewesen sein. Aber im Leben ist nichts umsonst. Schlussendlich bin ich zwar leider nicht in diese J-term Produktion rein gekommen, aber ich bin immer noch stolz auf mich, dass ich es durch gezogen habe und konnte mich auch in dieser Hinsicht weiter entwickeln.

In welchem J-term bin ich denn nun gelandet?

Schlussendlich haben mich meine Tanz Lehrer in ein klassisches Ballett Stück gesteckt. Ich war super aufgeregt aber auch glücklich darüber in meine zweite Wahl gekommen zu sein. Auch damit dass es anstatt contemporary Ballet, klassisches Ballett war konnte ich  gut Leben. Die Musik war schön, die Leute waren nett und J-term hätte wie versprochen die schönste und spaßigste Zeit des Jahres sein können. Hätte.

War es Spaß?- Nein.

Ich habe mich durch die Proben Quälen müssen, jeden Tag aufwachen müssen mit dem Wissen, dass es ein neuer Tag J-term ist. Der Grund? Mein Choreograph, der wohl gemerkt schon einmal ein J-term gemacht hat, war einfach nicht nett, lustig oder verständnisvoll. Es schien als wäre er hier her gekommen mit Erwartungen bis zu Decke und mit einer so extrem professionellen Einstellung wie man sich eben einen strengen Ballett Lehrer vorstellt. Er hat viel zu spät realisiert, dass es gemischte Level und gemischte Hintergründe gibt und nicht jeder sein Leben lang zum Ballett Sternchen gedrillt worden ist. Wenn man nicht Alles aufs erste Mal hinbekommen hat, hat er einen auch mal vor Allen anderen „niedergemacht“ und grundsätzlich einem das Gefühl gegeben man könne nicht tanzen.

Liz´s J-term, das Theater „The Skriker“ haben wir anschließend zu meiner Aufführung besucht
„The Skriker“

Alles Passiert aus einem Grund

Es hört sich jetzt natürlich an als ob J-term die schlimmste Erfahrung meines Lebens war, aber im Nachhinein könnte ich nicht dankbarer sein. Obwohl ich keinen wirklichen Spaß hatte, habe ich unfassbar viel gelernt. Meine Technik, mein Tanz- einfach Alles hat sich gesteigert. Mein Choreograph war zwar nicht nett, aber er ist talentiert und professionell und hat uns Alle gepusht, gepusht, gepusht um das Maximum aus uns herauszuholen und über uns hinaus zu wachsen. Alles musste perfekt sein und mit vier Stunden Training täglich glaube ich, dass unser Endresultat sehr gut ist. Ich bin hergekommen mit einer halben Pirouette und er hat es geschafft, dass ich schlussendlich zehn Piké-Turns kann (auch wenn sie nicht perfekt sind), und bin fürs zweite Semester sogar in die nächst höhere Ballettklasse gekommen.

Aber nicht nur wegen meiner Ballett-Verbesserung bin ich dankbar in diesem J-term gelandet zu sein, sondern diese drei Wochen haben mich meiner Entwicklung zu einem mental gestärkten Ich extrem weiter gebracht. J-term war nämlich nicht leicht. Es gab Tage an denen man sich gefühlt hat als könne man überhaupt nichts und ich musste mir selbst wirklich vor dem Unterricht und nach jedem Detail das ich gut gemacht habe zusprechen dass ich stolz auf mich sein kann und etwas gut gemacht habe um motiviert den Januar durchzuhalten.

Wenn ich jetzt im Nachhinein auf die Ereignisse schaue wird mir bewusst wie viel stärker ich geworden bin. Ich bin mental gewachsen und genau wie ich mir es für 2017 vorgenommen habe SELBST-ständig geworden weil mir bewusst geworden ist, dass man im Leben keine andere Zustimmungn braucht als seine eigene. Es war am Anfang ehrlich gesagt ziemlich hart keine Motivation, Zuspruch oder Lob seinem Lehrer zu bekommen und stattdessen das Gegenteil. Für einige hört sich das sicherlich lächerlich oder naiv an und ich gebe es auch zu es ist naiv, aber in Realität habe ich in der Schule und Außerhalb generell dadurch dass ich immer mein Bestes gegeben habe Zuspruch bekommen. Während J-term jedoch habe ich gelernt unabhängig zu werden und jede Kritik so aufzunehmen damit ich mich nur verbessere und nicht daran untergehe. Aus diesem Grund denke ich, dass J-term eine einmalige Chance und perfekter Zeitpunkt war um so einer wichtigen Lektion ausgesetzt zu werden während es nicht um einen Job oder ähnliches in der Zukunft geht.

Perfekt Unperfekt

Für Alle die sich jetzt wundern wie das ganze  Projekt rausgekommen ist: die Aufführung war unglaublich! Es war ein Dance Repertory Abend, das bedeutet dass alle Tanz J-terms die pro Stück ca. 10 min gedauert haben an einem Abend aufgeführt wurden. Es ist wirklich erstaunlich was man Alles in 13 Tagen auf die Bein stellen kann. Wir haben als Gruppe so hart gearbeitet, auch wenn der Choreograph ziemlich „unspaßig“ war. Schlussendlich waren es zwei wunderschöne Abende die wir mit dem Publikum im O´Shaugnessy Theater in St. Paul geteilt haben. Obwohl nicht alles, auch während den Proben perfekt gelaufen ist, ist es total egal solange man Spaß hat. Die Ausstrahlung und die Gefühle die man an das Publikum vermittelt sind so viel wichtiger! Als Zuschauer erinnert man sich nicht daran ob die Zehen durchgängig aufs äußerste gestreckt sind oder ob man eine doppelte anstatt einer dreifachen Pirouette gemacht hat. Man erinnert sich an den Tänzer der gefühlt hat was er tanzt und das durch Energie in seinen Bewegung gezeigt hat. Unsere Aufführung war natürlich  nicht perfekt- nichts ist perfekt!- Aber es war sehr, sehr, sehr gut, hat sich super angefühlt, Spaß gemacht und wir haben sehr viele Komplimente bekommen.

Ich bin so dankbar diese Erfahrung mit so vielen talentierten Tänzern teilen zu dürfen und die Möglichkeit zu haben über mich hinauszuwachsen. Morgen geht es dann leider mit dem zweiten Semester und ganz „normaler“ Schule weiter, wobei das auch mal wieder schön ist.


xoxo,

Isi♥

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